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Saemann-Hall 2009 |
Coburger Neue Presse 18.3. 2009 _____________________________________________________
3. Musischer Abend in Sülzfeld am 21. März 2009
Bericht von Josef Uitz
Zum dritten Mal hatte unser Vorstandsmitglied Werner Saemann aufgerufen zum „Musischen Abend in Sülzfeld“. Dieser fand wieder in der liebevoll renovierten ehemaligen Scheune seines Anwesens statt, der man nicht mehr anmerkt, was sie einmal war. Eher hat man den Eindruck sich wahlweise in einer (sauberen!) Kellerbühne (allerdings direkt unter dem Dach), einem eleganten Experimentiertheater oder einem Andachtsort zu befinden.
Dieser Abend stand unter dem Motto „Jung und Alt“. Schon am Nachmittag waren einige unserer jüngeren Mitglieder anwesend, um mit unserem 2. Vorsitzenden Helmut Stauder ihren ersten öffentlichen Auftritt vorzubereiten. Dieser war dann auch so, wie sich das gehört: etwas Lampenfieber, interessante Texte, ehrlicher Applaus, eine eingeschworene Gemeinschaft mit Liebe zu Lyrik und Prosa und eine kurzweilige Mischung aus den Möglichkeiten, die die Literatur bietet.
Der Abend begann vor vollbesetzten Stuhlreihen (auch einige Bänke hatten noch aufgestellt werden müssen) mit einer launigen Intrada von Werner Saemann. Seinen Begrüßungen, die mittlerweile schon etwas leicht Kultiges an sich haben, fügte er diesmal auch die Vorstellung des Malers Robert Reiter hinzu, der mit einer Ausstellung seiner Gemälde ebenfalls ein Element zum „3. Musischen Abend“ beisteuerte. Das ist durchaus stimmig, die „Ansichten“ eines Künstlers „aus der Gegend“ und „von der Gegend“ zu präsentieren und „draußen auf dem Land“ in ein „harmonisches Spannungsverhältnis“ zu den Wahrnehmungen literarischer Art zu versetzen. Wenn dann auch noch, wie geschehen, die Musik ihren wohlverdienten Platz innehat, dann ist die Bezeichnung „Musischer Abend“ mit Bedacht gewählt und ohne semantische Überhöhung einfach zutreffend. Werner Saemann fügte seinem herzlichen Willkommen als Hausherr und Veranstalter des Abends das Vorlesen seines Textes „Mein Weg“ bei, um so den literarischen Teil zu eröffnen.
Pitt Schmitt begann nun den Reigen der Gäste mit seiner Geschichte „Der Schulweg“ Leider ist mir nicht bekannt wie alt der junge Mann war; aber er war der Jüngste des Abends. Zurückblickend betrachtet war das ein geschickter Schachzug. Pitt Schmitt konnte mit seiner unbekümmerten, dennoch konzentrierten und sprachlich schon sehr ausgewogenen Erzählweise, für so einen jungen Menschen, die Meßlatte einigermaßen hoch ansetzen. Natürlich durfte es sich nun niemand der nachfolgenden Autorinnen und Autoren leisten, dahinter zurückzufallen. Glücklicherweise ist das auch nicht geschehen und die Beiträge stellten eine gelungene Mischung nicht untalentierten Schreibens im „Autorenverband Franken“ dar.
Zwischen den Textbeiträgen erfreuten uns mehrfach die beiden Musikerinnen Karin Kinder und Anja Seitz, die uns „Musik auf zwei Gitarren“ unter dem Namen „quadromani“ boten. Werner Saemann hatte diesen Namen zunächst mißverstanden (wie auch ich) und den letzten Buchstaben betont (da wird dann Manie daraus, vierfacher Wahnsinn oder so). Deshalb meinte er, daß Quadromania schöner klingen würde (was ja auch gestimmt hätte, wenn nicht die Betonung auf dem a vor dem i liegen würde!). Dann bedeutet der Name eben „Vier Hände“. Das klingt dann auf jeden Fall noch schöner! Ebenfalls klangen die Harmonien und Saitenmelodien und trugen viel zur Aufnahmefähigkeit der abwechselnd dargebotenen Texte bei.
Patrick Zimmer las zwei Gedichte in Reimform vor: „Etreta – in der Normandie“ und „Clichy sous Bois“, die sowohl auf allerlei vorhandene Bildung (Claude Monet, Victor Hugo, Porte d`Aval etc.) bei ihm schließen ließen, wie auch auf ein Heimweh und/oder Sehnsucht nach einem möglicherweise hymnisch überhöhten Vaterland.
Von Isabell Bachmann hörten wir die sehr im Schicksal verhaftete und das Leben spürende Episode eines jungen Menschen, der schon den Tod als konkretes Ziel ausgemacht hat. Ein sprachlich sehr schöner und melancholischer Text, der durchaus auch gerade in diesem Alter geschrieben werden darf und eine reale Auseinandersetzung mit dem Sein darstellt (Die Adoleszenzkrise ist von allen Lebensphasen, durch die wir hindurchgehen, die mit der höchsten Suizidrate; das musste ich mal in meinem Studium lernen!).
Vor der Pause durfte dann ich selbst noch `ran: drei Minuten hatte ich bekommen, drei Gedichte bekamen die Zuhörer; alle drei waren in fränkischer Mundart (eines gereimt, zwei nicht), hatten als Thema „Kinder“ und passten somit gut zum Motto: Ich selbst alt, meine Gedichte jung. So gesehen war auch die Musik gut ausgewählt, da eine der Gitarristinnen ja auch Karin Kinder heißt. Die Mundarttexte („Lauser“, „Maadli und Bou“, „Schbilln is di Erbäd vu di Kinder“) wurden mit Freude angehört, lockerten die Atmosphäre auf und führten somit gut in die ...
PAUSE.
Nach einer gut bemessenen Zeit, um sich mit Erfrischungsgetränken zu stärken, sich die Bilder anzusehen und sich mit dem Maler auszutauschen, führte Werner Saemann mit einer erneuten Intrada das Publikum wieder hin zur Literatur.
Sebastian Behne, ein weiterer junger Lyriker, erfreute mich mit einem unbeschwerten und doch schon verbindlichen Liebesgedicht, ohne Pathos aber mit Schalk und Herz.
In starkem Kontrast dazu war dann die Kurzgeschichte „Gleitzeit“ von Bettina Stauder, die eine schon deutlich erfahrenere Sexualität zum Ausdruck brachte. Immer wieder war man versucht sich zu fragen, ob nun wohl bald die Grenzlinie zur Pornographie überschritten werden würde? Aber die Gratwanderung gelang und die Grenze wurde gewahrt, wenn auch eine sehr offensive Erotik thematisiert wurde. Ob Bettina Stauder, wenn ihre Eltern ihren diesen Vornamen mit nur einem t gegeben hätten, wohl auch so schreiben würde? Man weiß es nicht!
Nun wieder ein junger Lyriker, einer der dem Reim huldigt, Johannes Kluger mit Namen, trug zwei Gedichte vor: „Es war 'nichts'“ und „Ahnung steigt aus alten Tagen“. Es ist mir zwar ein Rätsel, wie ein junges Menschenkind schon mit derartig großem Abstand auf ein „langes Leben“ zurückblicken kann oder warum ihm sein bisheriges Leben schon entschwindet (vielleicht steht ja jetzt schon der Karrierestress bevor oder zumindest der Auszug aus dem „Hotel Mama“?), aber sprachlich hat es mir sehr gut gefallen: „Der Vorhang, der bleibt zu!“ Tja!
Der nachgefolgte Prosatext „Geschenkte Augen“ von Helmut Stauder ist einer, der einem unter die Haut geht. Das scheint einem mit Texten von ihm öfters so zu gehen. Jedenfalls habe ich zufällig gestern in der Anthologie „Augenblick“ gelesen und auf Seite 77 beginnt eine kurze Geschichte von ihm unter dem Titel „Wildwechsel“. Auch die hinterließ einen starken Eindruck. Dort erfuhr ich im Übrigen auch, dass Helmut Stauder 1952 in Bayreuth geboren wurde, Germanistik und Anglistik in Erlangen studierte, sich seit 1980 im gymnasialen Schuldienst befindet und zwar in Bayern und – man höre und staune – in Argentinien. Der in Sülzfeld gelesene Text ist vordergründig eine zu Herzen gehende Begegnung zweier kürzlich noch im normalen Alltag eingebundener Männer, die im gleichen Krankenhauszimmer liegen. Helmut Stauder richtet seine Sensoren auf tiefe tragische Menschlichkeit und dadurch zugleich auf den Wesenskern des Menschlichen. Hinter der Handlung ist diese kleine und feine Erzählung eine Hommage an die Literatur überhaupt, zeigt, worin ihr „Nutzen“ liegt, erkennt ihren Wert als Teil und Wesenskern des Lebens in zugleich taktvoller wie auch grandioser Bescheidenheit.
Gegen Ende dieses gelungenen Abends durften wir noch die Texte „Morgenandacht“, „Grauen“, „Und dann kam er“, „Wochenspiegel“ und „Apfelfrage“ hören. Werner Saemann moderierte auf seine unnachahmliche Art diese Veranstaltung, die dann noch mit einer Darbietung des Gitarrenduos ausklang.
Eigentlich wäre nun nicht mehr viel hinzuzufügen. Allerdings ist unbedingt noch erwähnenswert, was nicht hätte geschehen können, wäre ich nicht an diesem Abend in Sülzfeld gewesen. Bei einer der beiden Gitarristinnen hatte ich ein so starkes Bekanntheitsgefühl, dass ich sie darauf hin ansprach. Nach einigem Vermuten und Einkreisen, konnten wir das Rätsel dann lösen. Wir waren tatsächlich vor nicht ganz dreißig Jahren als Fahrschüler täglich im gleichen Zug gesessen! Da mussten sich ausgerechnet in Sülzfeld unsere Wege wieder kreuzen... Irgendwie hat das dann auch noch zu diesem erstaunlichen Abend gepasst!
Montag, 06.04.2009
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