Stauder

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Helmut Stauder

 

 

Starweg 34

63768  Hösbach

Tel.:     06024 – 5098761

Mobil:  0173 – 6635231

E-Mail:  helmstau@web.de                     

 

Vita

1952 in Bayreuth geboren,

Studium der Germanistik und Anglistik

seit 1980 im gymnasialen Schuldienst

in Bayern und  6 Jahre in Argentinien

derzeit am Hanns-Seidel-Gymnasium

in Hösbach, unterrichtet dort Deutsch,

Englisch und Spanisch

 

Er schreibt Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten.

Veröffentlichungen:

über 10 Kurzgeschichten in Anthologien bei Roman Kovar, Ueberreuter, Fischerverlag Frankfurt, KBV, SV, K & N, Verlag Heyn.

Herausgeber der Krimianthologie „Mord-Life-Crisis“ im Lerato Verlag 2007

 

2. Vorsitzender im Autorenverband Franken e.V.

 

Homepage: www.helmut-stauder.de

 

 

Preisträger beim Kärntner Krimipreis 2008 mit der Kurzgeschichte „Seine besten Freunde“ ( veröffentlicht im Verlag Heyn, Klagenfurt ), die im Anschluss abgedruckt ist.

 

Seine besten Freunde

 

„Feucht ist der Lappen,

feucht und nicht nass.

Sonst gibt es Ränder,

die Farbe wird blass.“

 

Mit einem leisen, verträumten Lächeln singt er diese Zeilen zu einer monotonen Melodie, immer zuerst zwei gleiche Töne, ein etwas höherer und dann wieder zwei gleiche, so tief wie zu Beginn. Für den ersten und dritten Vers. Im zweiten Vers kommt am Ende nur ein Ton, im vierten ist der zweite Ton der höhere. Diese Melodie ist ihm angenehm, und sie fällt ihm leicht, doch beim Sprechen muss er sich sehr anstrengen, denn sein Mund, vor allem die Lippen, tun sich hart, die entsprechenden Bewegungen beim Formen der Worte zu machen. Damit es einigermaßen verständlich klingt, wenigstens fast so, wie er es in seinem Inneren hört. Das ist gar nicht leicht, überhaupt nicht leicht. Er muss sich gehörig anstrengen. Aber er gibt nicht auf, immer wieder singt er sein Lied.

Unermüdlich.

Denn das ist wichtig.

Sonst geht es nicht.

Der Mann mit den großen, warmen Händen hat  ihm das schon vor langer Zeit beigebracht. Und er hat das Lied so lange mit ihm geübt und gesungen, bis er es ganz sicher auch alleine gekonnt hat. Als es so weit gewesen ist, hat die Frau mit den liebevollen braunen Augen, die die ganze Zeit still und geduldig neben ihnen gesessen ist und zugehört hat, stolz und anerkennend gelächelt.

Sie ist es gewesen, die ihm gezeigt hat, wie er das schwere, alte Bügeleisen ganz fest am Holzgriff packen und zuerst vorsichtig auf den feuchten Lappen absetzen und schließlich mit zarten, kleinen Bewegungen hin- und herführen muss. Dampf solle nicht aufsteigen, das sei schädlich.

Für den neuen Freund, den ihm der Mann mit den großen, warmen Händen mitgebracht hat.

Gleichaltrige menschliche Freunde hat er nicht. Und er will sie auch nicht. Jedenfalls nicht mehr. Denn einmal hat die Frau mit den liebevollen braunen Augen einen Jungen in seinem Alter eingeladen. Aber da ist er schnell traurig geworden und hat sich in sich zurückgezogen, denn er hat diesen für zu laut und zu hastig befunden, und er hat zu undeutlich und zu schlampig gesprochen. Die Worte, die er dann selbst mit Mühe formte und zu ihm sagte, hat dieser Junge überhaupt nicht verstanden, obwohl er sich wirklich gehörig angestrengt hat, seinen Mund und vor allem die Lippen gut zu bewegen.

Aber das Schlimmste für ihn ist die Reaktion gewesen, als er ihm seine besten Freunde gezeigt hat. Er hat nur mit kalten Augen verständnislos geschaut, hat schließlich einen in die Hand genommen. Ganz unvorsichtig und grob hat er ihn gehalten und mit einem Achselzucken wieder hingelegt. Seinen Erklärungen hat er schon nicht mehr zugehört, hat ungeduldig zum Fenster hinaus geschielt. Völlig undenkbar, dass er sich die Mühe und die Zeit genommen hätte, seine besten Freunde zu riechen, ihnen zuzuhören oder gar ihre farbige Aura zu sehen.

Er ist froh gewesen und hat gelächelt, als der fremde Junge gesagt hat, er müsse nun leider nach Hause gehen.

So ist er wieder alleine gewesen.

Mit denen, die er liebt.

Und die ihn lieben.

Immer, wenn der Mann mit den großen, warmen Händen in sein Zimmer kommt und die Frau mit den liebevollen braunen Augen folgt, weil sie ihm einen neuen Freund bringen, könnte er platzen vor Glück. Sie setzen sie sich zu ihm an seinen schönen Holztisch, und der Mann mit den großen, warmen Händen legt den neuen Freund vor ihn hin, und die Frau mit den liebevollen braunen Augen lächelt und schaut zu.

Und dann lassen sie sich zuerst einmal viel Zeit, ihn ausgiebig zu betrachten, die Farben  sanft in sich aufzunehmen, die Bilder und Symbole zu würdigen, die Zahlen und den Text zu entziffern, die seinen Wert und den Geburtsort anzeigen. Erst jetzt berührt er ihn vorsichtig, streicht zärtlich über die Oberfläche, spürt das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger, findet kleine Unebenheiten oder Beschädigungen. Schließlich hebt er den neuen Freund hoch, hält ihn gegen das Licht, und jedes Mal wieder durchrinnt ihn ein wohliger Schauder, wenn er das Wasserzeichen findet. Denn das bedeutet, dass es ein echter Freund ist.

Und dann kommt das Schönste.

Der Mann mit den großen, warmen Händen geht nun um den Tisch herum, stellt sich hinter ihn und legt die Hände auf seine Schultern. Er drückt mehrfach weich seinen Nacken und fängt schließlich an, ihm sanft über die Haare zu streichen.

Und dazu erzählt er.

Mit seiner tiefen Stimme.

Wo er den neuen Freund getroffen hat, in welchem fernen Land, und wie es dort aussieht und was der neue Freund dort so gemacht hat, wie er gelebt hat. Und als Abschluss, jedes Mal mit einem liebevollen Drücken der Schultern und einem Kuss auf die Wange, nennt ihm der Mann mit den großen, warmen Händen leise flüsternd seinen Namen, den er sogleich freudig laut nachspricht, um ihn sich auch ganz fest einzuprägen.

„Pedro.“

Dann spricht der Mann mit den großen, warmen Händen das Zauberritual:

„Seine Freunde muss man pflegen und beschützen.“

Und er spricht es nach:

„Seine Freunde muss man pflegen und beschützen.“

Dabei strengt er sich dermaßen gehörig an, seinen Mund und vor allem die Lippen gut zu bewegen, dass jeder diesen Satz verstehen würde.

Und die Frau mit den liebevollen braunen Augen, die die ganze Zeit still und geduldig neben ihnen gesessen ist, zugesehen und zugehört hat, lächelt stolz und anerkennend.

Aber nun muss er zeigen, was er kann! Sie schaltet das alte Bügeleisen ein und holt einen rot weiß karierten Lappen aus der Küche, nur leicht feucht, nicht zu nass, den sie ihm reicht. Vorsichtig breitet er ihn über dem neuen Freund aus, streicht ihn mit der Hand glatt, nimmt das schwere Eisen am Holzgriff und führt es schließlich mit vorsichtigen, kleinen Bewegungen hin und her. Dampf soll nicht aufsteigen, das ist schädlich.

Und dazu singt er sein Lied:

„Feucht ist der Lappen,

feucht und nicht nass.

Sonst gibt es Ränder,

die Farbe wird blass.“

Mit einem leisen, verträumten Lächeln singt er diese Zeilen zu seiner monotonen Melodie. Immer wieder.

Unermüdlich.

Denn das ist wichtig.

Sonst geht es nicht.

Wenn die Arbeit getan ist und der neue Freund absolut makellos und glatt auf dem schönen Holztisch liegt, dann sehen sich die drei Menschen vertraut an, und sie lächeln in höchstem Glück.

Der Mann mit den großen, warmen Händen und die Frau mit den liebevollen braunen Augen lassen ihn dann alleine, weil sie wissen, dass er nun seinen neuen Freund den anderen Freunden vorstellen wird, die auf dem Tisch ausgebreitet liegen.

Aber das wird er in seiner Sprache tun.

Die nur er versteht.

Und seine Freunde.

Manchmal, so wie heute, wacht er später in der Nacht auf, wenn alles um ihn dunkel und still ist. Friede und Wärme gibt sie, diese nächtliche Stunde.

Dann steht er leise auf und setzt sich an den schönen Holztisch zu seinen Freunden. Er braucht kein Licht, denn er kennt sich in seinem Zimmer gut aus.

Und dann geht es manchmal.

So wie heute.

            Dann leuchten sie.

Jeder seiner Freunde hat nämlich eine ganz eigene, farbige Aura, die in solchen Stunden sichtbar wird. Allerdings nur für ihn allein, das weiß er, denn er hat es mit dem Mann mit den großen, warmen Händen und der Frau mit den liebevollen braunen Augen besprochen, und sie haben ihm gesagt, dass sie ihn zwar gut verstehen und ihm gerne glauben, sie selbst es aber nicht sehen können. Das sei eben so, dieses Geschenk seiner Freunde sei wirklich nur für ihn allein bestimmt.

Pedro liegt in der Mitte des Tisches und empfängt ihn mit leuchtend roten und gelben Farben, die zart pulsieren. Und er zeigt ihm Bilder, die in seinem Inneren erscheinen. Den gelben Sand einer Stierkampfarena, große, rote Tücher, die wild geschwenkt werden, einen schwarzen Stier und ein Heer von kleinen, weißen Taschentüchern, die winken.

Und, als die Bilder verblassen, fangen auch die anderen Freunde, die am Rande des schönen Holztisches liegen, an zu glimmen. Erst zart, dann deutlicher.

Pascal strahlt auf, dunkelgrün und hellgrün. Er kommt aus dem Süden Afrikas und schenkt ihm stets eine Vielzahl von Tieren, die über endlose Steppen jagen. Ein wildes Gewirbel von Beinen und Körpern.

Und da ist Anibal, der weiße Wolken auf hellblauem Himmel zeigt und die grenzenlosen Weiten der patagonischen Ebenen im Süden Argentiniens, die blauen Gletscher und die vom Wind gebeugten Bäume. Und Biberdämme und rotes Moos.

Da zerschneidet mit einem Mal wie mit einer scharfen Axt ein brutaler weißer Strahl die Ruhe und den Frieden dieser nächtlichen Idylle. Eine riesige Taschenlampe, dahinter der unheimliche, schwarze Schatten eines fremden Mannes, der auf ihn zukommt. Das Licht fällt auf seine Freunde, dann auf sein Gesicht und blendet ihn. Er erblickt eine grausame Hand, die nach einigen seiner Freunde greift, sie packt, zusammenknüllt, sie rauben will.

„Seine Freunde muss man pflegen und beschützen.“

Und dabei strengt er sich dermaßen gehörig an, seinen Mund und vor allem die Lippen gut zu bewegen, dass jeder diesen Satz verstehen würde.

Also auch dieser Fremde.

Doch eine Hand schiebt ihn beiseite.

Greift nach seinen restlichen Freunden.

Auch nach Pedro.

Da packt er das Bügeleisen.

Und schlägt zu.

Mit seiner ganzen Kraft.

*

Am nächsten Morgen betritt der Vater das Zimmer seines Sohnes und will ihn wecken. Doch er bleibt überrascht in der Tür stehen.

Der große, runde Kopf des Jungen mit den leicht schrägen, schlitzförmigen Augenlidern bewegt sich nicht bei seinem Eintritt, er sieht nicht wie sonst zu ihm auf, sondern setzt unbeirrt seine Tätigkeit fort. Er bügelt sanft über den rot weiß karierten Lappen, den er auf einen seiner Freunde gelegt hat und singt dazu sein Lied.

„Feucht ist der Lappen,

feucht und nicht nass.

Sonst gibt es Ränder,

die Farbe wird blass.“

Mit einem leisen, verträumten Lächeln singt er diese Zeilen zu seiner monotonen Melodie. Immer wieder.

Unermüdlich.

Denn das ist wichtig.

Sonst geht es nicht.

Aber der Lappen ist nicht sauber, er ist verschmiert.

Und auch das Bügeleisen ist schmutzig.

Rot leuchtet es.

Wie Blut.

Und dann sieht der Vater den Körper des fremden Mannes, schwarz gekleidet, mit schwarzen Handschuhen, der neben dem schönen Holztisch regungslos am Boden liegt. Eine schwere Taschenlampe hält er noch immer in seiner linken Hand.

Er liegt flach auf dem Rücken.

Das Gesicht eine formlose, blutige Masse.

Um seinen Kopf auf dem Boden ein dunkelroter Rahmen, der wie eine seltsam konturlose Aura wirkt.

Der Vater ruft leise nach seiner Frau. Als sie  bei ihnen ist, stellt er sich hinter seinen Sohn, drückt zärtlich seine Schultern und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Die Mutter lächelt stolz und anerkennend.  Die Eltern halten sich fest und schweigen.

Mit einem Mal sieht der Junge langsam zu den beiden auf und unterbricht sein Tun. Ein überirdisch schönes Lächeln strahlt ihnen entgegen, und er spricht so deutlich wie es ihm nur selten gelingt:

„Seine Freunde muss man pflegen und beschützen.“