2007 

Treffenzurück




 

 

Aschaffenburger Rede zum 19. 10. 2007

 

     Wenn wir heute die satirische Begegnung 'FRANKen trifft FRANKfurt - und das mitten in Aschaffenburg' im Zonenrandgebiet Bayern/Hessen zelebrieren, so muß ein kurzer Rückblick gestattet sein:

     Die Franken galten schon immer als die Freien, die Kühnen. Ascaffaburc wurde im 5. Jh. von Alemannen gegründet - Ende des 5. Jh.s kam es bereits zum großen Frankenreich unter König Chlodwig - etwa um 530 wird Frankfurt fränkischer Besitz, obwohl Franconofurd (= Furt der Franken) erstmals 794 offiziell urkundlich erwähnt wird. Während das Fränkische Reich unter Karl dem Großen (800 Kaiserkrönung) seine größte Ausdehnung erlebte, kam es 843 zur Teilung in Ost- und Westfranken. Einmal war das Herzogtum Bayern unter fränkischer Herrschaft, dann wieder kam der Fränkische Kreis zu Bayern.

     1803 wird Aschaffenburg Hauptstadt des Fürstentums Aschaffenburg als souveräner Staat innerhalb des Rheinbundes - 1806 wird dieser erweitert um Frankfurt - laut Urkunde vom 20. August 1806 erhält Fürst Primas Carl "von Kaiserlich-Königlich-Französischer Seite (...) die volle Souveränität über die Stadt Frankfurt, derselben Umfang und Gebiet" - 1810/13 ist Aschaffenburg Hauptstadt des Großherzogtums Frankfurt - Dalberg dankte 1813 ab - 1814 erfolgt die Übergabe des ehemaligen Fürstentums Aschaffenburg an Bayern. Aschaffenburg war für wenige Jahre sogar Universitätsstadt (1808 Gründung der Karls-Universität - die Goethe-Universität in Frankfurt wurde übrigens 1914 gegründet).

 

    Einige wenige Autoren von Rang fanden ihren Weg nach Aschaffenburg bzw. lebten hier:

- Wilhelm Heinse (bekanntestes Werk: 'Ardinghello und die glücklichen Inseln', Leiter der Hofbibliothek, 1803 gestorben und auf dem Altstadtfriedhof begraben)

- Clemens Brentano (romantische Lyrik und Märchen, 1842 gestorben und auf dem Altstadtfriedhof begraben)

- Julius Maria Becker (1887 - 1949, geb. und gest. in Aschaffenburg, schuf Stationen- und Mysteriendramen)

- Gustav Trockenbrodt (1869 in Aschaffenburg geboren, Mundartdichtung: 'Ascheberger Sprüch', seit 1900 in mehreren Folgen bzw. Auflagen)

 

     Vor 47 Jahren tagte die Gruppe 47 in Aschaffenburg (3. - 6. November 1960 im Sitzungssaal des neuen Rathauses) - u.a. mit Günter Grass, Walter Höllerer, Uwe Johnson, Dieter Wellershof und Gabriele Wohmann. Ein Rezensent bemerkte damals, Aschaffenburg "brachte einen guten Überblick mit viel Beispielmaterial (für) tendenziös-kritische oder artistisch-ästhetische" Literatur.

 

     Heute soll es nun also mit dem AVF und dem OPST um satirische Literatur gehen - tendenziös-ästhetisch - artistisch-kritisch. Es sei kurz daran erinnert, wie Kurt Tucholsky im Jahre 1919 seine provozierende Frage 'Was darf Satire?' ebenso provozierend beantwortete: "Alles." Für ihn ist der Satiriker ein "gekränkter Idealist (...): er will die Welt gut haben ... und ... rennt ... gegen das Schlechte an." Die Satire "beißt, lacht, pfeift und trommelt (...) gegen alles (...) was träge ist." Die Satire "muß übertreiben", sie kann "boshaft" sein, aber "ehrlich" - man muß schon "einen ordentlichen Puff vertragen". Tucholsky wünscht sich, daß man nicht "übel" nehme oder "gekränkt" sei, sondern sich "mit denselben Mitteln dagegen wehren" möge.

 

     In diesem Sinne möge heute den Franken und Frankfurtern gestattet sein, für ein besseres Franken, ein besseres Frankfurt und eine bessere Welt literarisch einzutreten.     (KHS in der VHS)

 

Impressionen vom Jahrestreffen 2007

Autoren am Hanns-Seidel-Gymnasium                                           1. HSG-Poetry-Slam

Gruppenbild mit OB Herzog in AB                        Sonderschaufenster in der Buchhandlung Diekmann

 

 

Wahr ist nur der Wahn

'Franken trifft Frankfurt' - Autorenverbände tagen

 

ASCHAFFENBURG. Wie unterschiedlich sich Wörter zur Sprache formen können, wie das Aneinanderreihung Sinn und Bilder und ebenso Unsinn und Absurdes entwerfen können, das zeigte sich am Freitagabend in der Aschaffenburger Volkshochschule bei einer Begegnung der besonderen Art: 'Franken trifft Frankfurt'. Dahinter steckte nicht mehr und nicht weniger als eine Autorenlesung zum Thema Satire, veranstaltet vom AutorenVerband Franken (AVF).

Ihre Jahresversammlung am Freitag und Samstag in Aschaffenburg hatte die Organisation mit etlichen anderen Veranstaltungen wie Lesungen in Seniorenheimen und einem Poetry-Slam im Hanns-Seidel-Gymnasium garniert.

Die Lesung in der VHS begleiteten Marcus Rüdel am Keyboard und Robert Oursin am Bass mit Eigenkompositionen und freien Interpretationen. Erstmals war dazu ein anderer Verband, der sich OPST (Offener PoetenStammTisch) nennt und in Frankfurt ansässig ist, eingeladen.

Dieser Grenzüberschreitung widmete Organisator und Moderator Karl-Heinz Schreiber mit eindrucksvoller Vortragskraft einen gut gelaunten Streifzug durch die 'Franken'-Geschichte und merkte mit Tucholsky an, bei Satire müsse man schon "einen ordentlichen Puff vertragen" können.

 

Krasse Miniaturen

Nun, den gab es weniger in den Kurzlesungen der sechs Autoren - drei aus Franken, drei aus Frankfurt - die jeweils als Duo vortrugen. Scharfe Schnitte wurden nicht gesetzt, die Satire machte sich relativ schmal in der Lesung, die dafür teilweise mit krassen Miniaturen überraschte, aber auch absurde Poesie einfließen ließ. Der Tenor der Beiträge hatte durchgehend eine kritische Grundstimmung, die sich bei Friedrich Ach, gebürtiger Fürther des Jahrgangs 1948, mit lautmalerischer Wortspielerei den aufgeblasenen Kunstbetrieb sowie die Eitelkeit und Dummheit von Preisverleihungen zur Brust nahm.

Bei Walter Jauernich, geboren 1958 und aus Frankfurt, blähte sich das bürokratische Nichts aus karierten und linierten Schreibblöcken zur Tristesse des Lebens auf, in die zierliche Gedankenflüge mit Schornsteinfeger, Pfannkuchen und Storch eingeflochten waren. Und mit einem rasanten Streifzug schüttelte er all die pädagogischen Mahnungen von "solange du die Beine unter meinen Tisch" sowie "besser haben" und "erstmal Respekt" so lange durcheinander, bis sie in irrer Verselbständigung ihren ganzen hohlen Unsinn offenbarten.

 

Mit Ironie durch den Alltag

Esther Schmidt, Frankfurterin des Jahrgangs 1970, thematisierte in schnel­ler Komprimierung den Betriebsalltag, ließ das Bedrückende in bildlicher Vorstellung kafkaesk eskalieren und sah die Würde des Menschen als antastbar. Bei Petra Schneider aus Nürnberg und 1967 geboren meldete sich die Nase zu Wort und verselbständigte sich in ironischer Manier bei einem Gang durch den erlebten Alltag: "Mir stinkt's". Vor allem aber malte sie ein satirisches Märchen, das von einem alten Mann und einem geschwätzigen Hahn erzählt, die durch Nichtstun ein Dorf in Aufruhr bringen und sich der Teufelsaustreibung und Verbrennung durch Flucht entziehen.

Hans-Jürgen Heimrich, Geschäftsführer des AVF, 1938 in Weimar geboren und seit langem in Dittelbrunn bei Schweinfurt ansässig, fixierte die Tristesse der vergeblichen Arbeitssuche mit ihrer schizophrenen Unwürdigkeit, schilderte eine Kirchweih in Franken, mit Aristoteles und Sokrates die Jugend, eine 'Traumfrau' und einen 'Cool-Man': "Was kann mit einem winzigen Stück Stoff schon Großes bedeckt sein?"

Der 1934 in Riesa geborene und in Frankfurt lebende Gerd Peterknecht entwarf absurde Bilder von einem außerirdischen Dampflokfresser und einem in den Müllschlucker des World Trade Center geworfenen Ex-Liebhaber, der sich wie ein Schweinskopf in Sülze ins Freie arbeitet, und er schloss mit einem Gebet: "Lasset uns anbeten den Wahn der Wahrheit des Nichts ... denn wahr ist der Wahn, sonst nichts."

Anneliese Euler

Main-Echo - Montag, 22. Oktober 2007