2006

Treffenzurück


 


Autoren Verband Franken

Neue Anthologie

Gemeinsam Stärke zeigen und damit eine Chance auf Veröffentlichung bekommen: Seit 1967 bringt der drei Jahre zuvor gegründete Autoren Verband Franken Anthologien heraus, »Stimmen, die durch Wände dringen« ist der mittlerweile 15. Band zu einem vorgegebenen Thema - wobei der Titel keine Vorgabe an die Autoren war, sondern erst nach Einreichen der Manuskripte als verbindendes Motto gewählt wurde. Vom wenige Worte zählenden Gedicht über die Legende bis zur vielseitigen Erzählung vereint die Anthologie das Spektrum fränki­schen Schreibguts, der in Goldbach-Unterafferbach lebende Lehrer Karl-Heinz Schreiber und der bislang mit zwei Krimi-CDs aufgefallene Helmut Stauder aus Bessenbach (beide Kreis Aschaffenburg) sind die Vertreter aus dem westlichen Unterfranken. Stauder mit der äußerst lakonisch geschriebenen »Träume« über den klassischen einsamen Wolf und dessen Melancholie,
Schreiber mit einem eher krytisch anmutenden Dialog »Auf dem Arbeitsamt«: zwei schöne
Beispiele aus einem lesenswerten Sammelsurium.     str

Autoren Verband Franken: Stimmen, die durch Wände dringen

Books on Demand (Norderstedt) 2006; 186 Seiten; 9,90 Euro

(Main-Echo Freizeitmagazin 17.11.2006)

MEIN RODACH MANIFEST (06)

Oder: Tabu-Brechen macht nicht nur Spaß, sondern muß immer wieder sein!

 

     Einmal im Jahr treffen sich alle. ALLE? Natürlich nicht! Aber immerhin etwa ein Drittel der zahlenden Mitglieder. Diesmal in Bad Rodach im (ehemaligen) Zonenrandgebiet zu Thüringen. Und wieder einmal erweist es sich, wie notwendig persönliche Treffen sind! Ohne Vorwurf an diejenigen, die eben nicht konnten oder wollten - wir müssen Realitäten akzeptieren. Da wir aber (immer noch) ein real existierender Verband sind, brauchen wir auch das Live-Erlebnis der Diskussion, ja der Auseinandersetzung! Denn wir stehen ununterbrochen in der Pflicht, uns selbst und der Welt zu erklären, warum der AVF so schön und unverzichtbar ist. Emotionen erzeugen wir immerhin intern teil- und zeitweise. Der Verband hatte frühe Jahre der Euphorie, dann der Beschaulichkeit, dann der Agonie - wenn wir jetzt eine Phase der Irritationen erreicht haben sollten, dann nehmen wir das Positive daraus: wir leben so sehr wie kaum jemals zuvor!

     Es ist immer wieder spannend, unterschiedliche Temperamente aufeinandertreffen zu lassen und die Aktionen und Reaktionen in ihren Balance-Exerzitien zu studieren. Wie sich alte und junge Wilde begegnen. Da geht es um Rechthabereien und Eitelkeiten und Positionsbestimmungen und die ewige Frage nach dem 'Entweder-Oder' oder 'Sowohl-Alsauch'. Emotionen kochen sich hoch auf Kosten von Differenzierungen, Ungeduld kämpft mit Toleranz, manch einer prescht vor - manch einer zuckt zurück. Aber auch das ist Leben! Ausloten, riskieren, provozieren, konsequent erscheinen. Wir holen uns neue Leute in den Verband und sind überrascht über die neuen Energien?! Leute, das ist doch überhaupt die Hoffnung, daß neue Mitglieder auch neue Ideen und Ansprüche mitbringen! Wenn der Verband Probleme damit hat, forsch Formuliertes zu verkraften bzw. gar zu integrieren, dann liegt das allerdings an allen Beteiligten!

     Worum geht es: wir hatten eine alles in allem schöne Vorstandssitzung mit idyllischer Verköstigung, eine mit Anstand absolvierte Vorstellungsveranstaltung zu Ehren unserer neuen Anthologie, eine Nachtwächterführung und eine temperamentvolle Mitgliederversammlung. Wenn wir ehrlich sind, leiden wir am mangelnden öffentlichen Interesse an der Abendveranstaltung (und überhaupt und sowieso) - dafür sollten wir uns eigentlich freuen, daß bei der JHV Stimmung in der Bude war! Wie schematisch, steril und langweilig waren diese Sitzungen vor unserer Umstrukturierung vom VFS zum AVF! Ich war damals selbst ein junger Wilder, der in Nürnberg wortwörtlich mit der Faust auf den Tisch gehauen hat mit der Botschaft: da muß mehr Leben und Diskussion rein! Und das haben wir jetzt erreicht! Also sind wir doch immer wieder dankbar für neue Impulse!

     Freilich kommt es nicht nur darauf an, Unruhe zu erzeugen, sondern diese auch durch Inhalte zu rechtfertigen - und dies in einer erträglichen Form. Wir haben alle unseren eigenen Kopf und unsere Erfahrungen - und manchmal zeigen manche von uns schon Ansätze einer schleichenden Altersweisheit. Was auch dazugehört: Toleranz, Selbstironie und Flexibilität. Wir wollen uns doch solidarisieren im Sinne der Poesie, der Kultur, der Humanitas. Wir nehmen Herausforderungen an und versuchen kreative Ansätze innerhalb und außerhalb unseres Verbandes zu bündeln und zu nutzen. Und dabei sind Inhalte wichtiger als Formen! Und Tabubrüche gehören notwendigerweise zur Entwicklung. Und Tabubrüche machen auch Spaß. Literatur und Diskurs sollten auch Lustfaktoren sein. Und Lust ist der Tabubruch der Konvention.

     Wir werden uns zum wiederholten Male Gedanken darüber machen, wie wir den AVF als Verband generell und die Literatur der Mitglieder individuell besser im Bewußtsein der (als potentielles Publikum avisierten) Bevölkerung positionieren können. Vielleicht müssen wir bessere Texte schreiben, vielleicht müssen unsere Veranstaltungen spektakulärer werden, vielleicht sind wir insgesamt zu harmlos und zu bieder?! Verkaufserfolge von "fränkischer" Literatur (oder von Literatur überhaupt?) läßt sich ebensowenig programmieren wie die Wiederherstellung der Vollbeschäftigung zu Zeiten Ludwig Erhards. Auch dieser letztgenannte könnte heute keine Vollbeschäftigung mehr herbeizaubern - wir leben nun nämlich in dieser sogenannten globalisierten Welt mit Technisierung und in einem Klima der Relativierungen. Den Wert einer Sache zu propagieren gelingt fast nur noch mit ("medialen") Methoden, die wir als sensible Poeten eigentlich ablehnen.

     Einerseits können und wollen wir nicht beständig um Wahrnehmung betteln, andererseits müssen wir den Nachweis erbringen, daß wir der Wahrnehmung würdig sind! Wir können und wollen uns auch nicht damit zufrieden geben, daß wir ja bei einer Lesung von 5 oder 10 oder 20 (bekannten und verwandten) Leuten besucht wurden - Mitleid ist keine Motivation weiterzuschreiben! Also entweder werden unsere Inhalte spektakulärer - oder unsere Präsentation wird reizvoller! Dabei müssen wir uns profilieren in einer Bandbreite von Altenheim-Lesung bis Poetry-Slam! Und dann sind wir auch noch so ein Verband, der sehr heftig in Traditionen und Konventionen verwurzelt stagniert - andererseits aber auch Nachwuchsarbeit betreiben möchte und überhaupt offen ist für Schreibende aller Art mit unbedingtem Qualitätsanspruch.

     Eigentlich haben wir ein Spagat-Problem: wie versöhnen und vermitteln wir das Zusammenwirken von Tradition und Moderne - wie werben wir für neue Mitglieder und wie integrieren wir deren neuen Elan?! Gerade die Bewältigung von Gegensätzen macht aber doch die Spannung im Leben aus! Stellen wir persönliche Mimositäten zurück und konzentrieren wir uns erstens auf unser Schreiben, zweitens auf unsere Motivation im AVF mitzuarbeiten und drittens auf neue Strategien uns deutlicher zu "vermarkten". Also schreibt mal anders, argumentiert mal anders, präsentiert euch mal anders! Am Ende der Bescheidenheit rumort schon die Provokation - und jede persönliche Eitelkeit muß sich auf der Weltbühne rechtfertigen oder durchsetzen oder auch einpegeln. Spagat bedeutet viel Training und Flexibilität. Ernsthafte Literatur bedeutet aber auch Hartnäckigkeit.       KHS